Hoda Tawakol: Delicious Monster

Limbach-Oberfrohna

Hoda Tawakol, Delicious Monster, 2025; Courtesy: Hoda Tawakol; Foto: Natalie Bleyl

Für die Serie Delicious Monsters (dt. „Köstliche Monster“) verknüpft die 1968 in London/Großbritannien geborene und in Paris/Frankreich aufgewachsene, heute in Hamburg lebende franko-ägyptische Künstlerin Hoda Tawakol ihre an Puppen, Perücken oder Masken erinnernden Stoffplastiken mit Baum- und Blätterformen aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Mit der Gestalt des Fensterblatts (Monstera deliciosa) zitiert die Künstlerin eine botanische Pflanzengattung, die in der Vorstellung von Mitteleuropäer:innen in Wohn- und Arbeitsräumen zu Hause zu sein scheint. Ihre Vorfahren wurden jedoch einst von kolonialen Pflanzenjägern aus ihrer tropischen Heimat in Mittelamerika nach Europa verschleppt und in botanischen Sammlungen zu pflegeleichten Zimmerpflanzen gezüchtet.

Tawakols „köstliches Monster” quält sich jedoch nicht in einem engen Blumentopf. Von einem dicken Stamm ausgehend, strecken sich wie aus Textilien gebundene Äste weit in  ihre Umgebung. Schwarz gefärbtes Blattwerk wirkt wie aufgepfropft, rote und violette Wurzeln breiten sich wie Blutbahnen oder Fragmente von Körpern auf dem Boden aus.  Durch Form und Farbe entwickelt die Arbeit eine hohe Symbolkraft im durch sie initiierten mentalen Raum. Sie spielt mit den Assoziationen des Betrachtenden, erinnert an Sehnsucht und Mühe, an Machtstrukturen und deren Optionen ebenso wie an Wachsen und Vergehen, Geben und Nehmen.

Tawakols Delicious Monster verknüpft die wechselvolle Geschichte und Identität seines Aufstellungsortes Limbach-Oberfrohna, in dem historische, physische und mentale Situationen zusammengeführt werden. In einem der ältesten Bergbaugebiete Sachsens zeugen noch heute Reste von Pingen und Halden, die sich am Ulrichsberg wie ein invertiertes Wurzelgeflecht verfolgen lassen und die seit dem 13. Jahrhundert Bergbaugeschichte des Wolkenburger Reviers belegen. Im 18. und 19. Jahrhundert stattete Detlef Carl Graf von Einsiedel den Garten von Schloss Wolkenburg mit einem Skulpturenensemble aus, das nach antiken Vorbildern aus Lauchhammerschen schwarzem Eisenguss gegossen wurde. Obgleich aus „leichtem“ Material gebaut, scheint Tawakols Arbeit die Schwere des Eisens wie auch dessen Farbe aufzunehmen. Im frühen 18. Jahrhundert fand der Limbacher Unternehmer, Schwarzdrucker und Erfinder Johann Georg Esche bei einem in Dresden lebenden Hugenotten einen Strumpfwirkerstuhl den er nach einem französischen Vorbild weiterentwickelte. Unterstützt von seinen Landesherren von Schönberg legte Esche den Grundstein für die erfolgreiche Textilindustrie der Region. Seine Nachfahren zogen 1870 mit der Limbacher Strumpfmanufaktur nach Chemnitz und machten nicht nur ihr Unternehmen, sondern auch die Stadt zu einem internationalen industriellen und kulturellen Zentrum Europas.  

(Text: Alexander Ochs / Ulrike Pennewitz )

Hoda Tawakol
Delicious Monster 

Material: GFK-Glasfaserverstärkter Kunststoff  

Aufgestellt mit Unterstützung der Stadt Limbach-Oberfrohna.

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Adresse:
Jägerstraße 20
09212 Limbach-Oberfrohna

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Am PURPLE PATH gibt es viel zu entdecken! Erlebnistipps  präsentiert der Tourismusverband Chemnitz Zwickau Region e.V.

↗ Empfehlungen rund um Hoda Tawakols “Delicious Monster”

Limbach-Oberfrohna: Wirkungsvoll. Fabrikneu. Kunstsinnig.

Gabriela Oberdorfers Labor einer Streuobst Wiese ist ein Kunstwerk, welches sich des Themas Flächenrevitalisierung von brachliegenden Grundstücken aktiv annimmt. Dabei bezieht die Künstlerin auch eine Klasse der Goethe-Grundschule mit ein. Die Schüler helfen beim Anlegen der Kunstfläche, die aus einem großen Wandgemälde, einer Streuobstwiese und Hochbeeten besteht. Der Standort liegt neben dem Apollo Filmtheater, das es seit 1910 gibt. In den 1990er Jahren wurde es durch den Roman „Der Kinoerzähler“ von Gert Hofmann, der in Limbach-Oberfrohna geboren wurde, einem breiten literarischen Publikum bekannt.

Revitalisierung – dieser Begriff ist zu einem Markenzeichen der einst stolzen Textilindustriestadt Limbach-Oberfrohna geworden. Die Stadt erlebte nach der Wiedervereinigung Deutschlands einen tiefgreifenden Strukturwandel. Nahezu alle Fabriken schlossen, tausende Textilarbeiter:innen wurden arbeitslos. Inzwischen haben sich viele moderne Unternehmen in und um den Ort etabliert. Im kulturellen Gedächtnis der Stadt lebt das Erbe der Textiltradition weiter. Viele Engagierte im Esche-Museum und seinem Förderverein bewahren Sachzeugnisse und Erinnerungen, entwickeln ein neues textiles Networking- und Kompetenzzentrum oder kreieren neue Nutzungskonzepte für alte Textilfabriken.

 

Wirkungsvoll: Esche-Museum Limbach-Oberfrohna

Im Esche-Museum Limbach-Oberfrohna lässt sich ein ganzes Zeitalter besichtigen. Das Gebäude beherbergte einst die zweitälteste Textilfabrik im Ort und ist eines der ältesten noch erhaltenen Fabrikgebäude Sachsens. Der Komplex wurde ab Mitte des 19. Jahrhunderts von Traugott Reinhold Esche als Strumpffabrik errichtet. Dessen Vorfahre, der Unternehmer Johann Esche konstruierte im 18. Jahrhundert die ersten hölzernen Wirkstühle in der Stadt. Führend waren damals noch die Engländer und Franzosen.

Aber die Technologie des Wirkens entwickelte sich in der Stadt weiter und holte schnell auf. Auch dank der findigen Unternehmerfamilie Esche, die weitere Unternehmer anzog. Hauptprodukte waren Trikotagen: gestrickte und gewirkte Kleidungsstücke, wie Strümpfe, Unterwäsche und Handschuhe. Um 1900 war Limbach-Oberfrohna zur Welthauptstadt der Handschuhfertigung aufgestiegen. 90 Prozent der Handschuhe exportierten die hiesigen Unternehmen in alle Welt.

Im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025 entsteht hier mit dem ESCHE LAB ein neues Kompetenzzentrum für Forschung, Entwicklung, Industrie, Design und Produktion.

 

Tipp: Villa Esche in Chemnitz

Aus dieser Limbacher Unternehmerfamilie stammte auch Herbert Eugen Esche (1874-1962), der sich 1902/3 in Chemnitz vom belgischen Architekten und Gestalter Henry van de Velde (1863-1957) eine Jugendstil-Villa erbauen ließ. Diese war van de Veldes erstes architektonisches Auftragswerk in Deutschland und für sein künstlerisches Schaffen von großer Bedeutung. Die Villa Esche mit dem parkähnlichen Garten gilt als ein sehr frühes Gesamtkunstwerk der Moderne und dient heute als Museum, Tagungsstätte und Eventpodium.

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Fabrikneu: Aus ARTISEDA-Textilfabrik wurde Evangelisches Schulzentrum

Mitten im Zentrum von Limbach-Oberfrohna, gleich neben dem Rathaus, stand über 20 Jahre die ARTISEDA-Textilfabrik leer. Nein, besser gesagt: Sie stand still. Denn leer war der große Fabrikbau mit der expressionistischen Klinkerfassade und dem hohen Turm aus den 1920er Jahren nicht. Das Interieur war noch da: Nähmaschinen, Zuschnittmuster und Unmengen fabrikneuer, nicht ausgelieferter Textilien.

Von 1854 bis 1998 wurden hier Untertrikotagen produziert: Unterwäsche, Babystrampler und Schlafanzüge. Die Limbach-Oberfrohnaer Unternehmerfamilie Silke und Rico Wrzal haben mit vielen engagierten Mitstreiter:innen ihrer Kirchgemeinde hier ganz viel verändert und mit dem FELS – Freies Evangelisches Limbacher Schulzentrum zu neuem Leben erweckt.

 

Kunstsinnig: Eisenkunstguss auf Schloss Wolkenburg

Auf dem Stadtgebiet von Limbach-Oberfrohna, etwas außerhalb im Tal der Zwickauer Mulde, steht das Schloss Wolkenburg. Seine Geschichte reicht bis zu einer Burg im 12. Jh. zurück. Große Verwandlungen durch Revitalisierung gab es auch hier. Denn der heutige Bau mit seinem englischen Landschaftspark stammt aus der Zeit des Klassizismus (1780-1820). Einem kunstsinnigen Grafen im 18.Jh., Carl Detlev Graf von Einsiedel, ist es zu verdanken, dass sich hier auf Schloss Wolkenburg eine Sammlung von Eisenkunstguss mit europäischem Rang befindet.

 

Tipp: Wolkenburg ist Gedenkort

In der zum Schloss gehörenden Gemeinde Wolkenburg befand sich ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg. Von August 1944 bis April 1945 wurden hier über 350 Frauen zur Zwangsarbeit in einer ehemaligen Weberei inhaftiert. Seit dem Jahr 2000 erinnert ein Gedenkstein an das Schicksal der Frauen, die aus Deutschland, Italien, Jugoslawien, den Niederlanden, Polen und Russland hierher verschleppt wurden.

Zwischen 1943 und 1945 unterhielt das in der Oberpfalz/Bayern betriebene KZ Flossenbürg insgesamt 77 Außenlager. Zwölf befanden sich an Orten am heutigen PURPLE PATH: in Aue, Chemnitz, Flöha, Freiberg, Hainichen, Hohenstein-Ernstthal, Mittweida, Oederan, Amtsberg, Zschopau und Zwickau.

Der kunstsinnige Graf: Detlef Carl Graf von Einsiedel (1737-1810)

Auf Schloss Wolkenberg an der Zwickauer Mulde, das zum Stadtgebiet von Limbach-Oberfrohna gehört, besteht eine einzigartige Sammlung von Plastiken aus Lauchhammer Eisenkunstguss. Die Kunstwerke sind sowohl im Schloss, als auch frei zugänglich im Park zu entdecken. Durch eine Erbschaft gelangte der auf Schloss Wolkenburg ansässige Detlef Carl Graf von Einsiedel 1776 in den Besitz des Eisenwerkes Lauch-Hammer in der Grundherrschaft Mückenberg (heute: Lauchhammer in Brandenburg).

Mit dem Know-how führender Wissenschaftler und Ingenieure der Bergakademie in Freiberg gelang ihm die Modernisierung der Hammermühle zu einem frühindustriellen Unternehmen. Auch von Künstlern ließ er sich bei der Entwicklung von Industrieprodukten inspirieren. So entstanden in der Gießerei zudem Kunstwerke. Die Bildhauer Thaddäus Ignatius Wiskotschill (1753-1795) und Joseph Mattersberger (1754-1825) fertigten aus Gips-Abgüssen antiker Skulpturen brauchbare Formen für Nach-Güsse in Eisen. Diese waren bei den damaligen klassizistischen Baumeistern und Gartenarchitekten besonders begehrt.

Dabei entwickelten Graf Einsiedel, die Techniker und Künstler 1782 die Technologie des Eisengusses mit einem speziellen Wachs-Aus-Schmelzverfahren weiter. Größere und komplexere Maschinenkomponenten und Brückenteile konnten nun präzise im Eisenguss hergestellt werden, was bis dato nur in England und Frankreich möglich war. In der historischen Gießerei in Lauchhammer werden bis heute Skulpturen namhafter Künstler:innen gegossen.

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Sprachgenie und Schriftsteller: Gert Hofmann (1931-1993)

Gert Hofmann wurde 1931 im Stadtteil Limbach geboren. Das Geburtshaus steht lag an der Limbacher Kreuzstraße, heute Paul-Seydel-Straße. Gegenüber befindet sich noch heute eine Konditorei, in der sein Onkel eines der ersten Limbacher Stummfilmkinos betrieb, ehe er 1910 das Apollo Filmtheater in der nur 400 m entfernten Jägerstraße erbaute. 1948 zog die Familie nach Leipzig. Hier schloss Hofmann an einer Sprachenschule ein Dolmetscher- und Übersetzerexamen für Englisch und Russisch ab. Sein Talent für Sprachen machte er Zeit Lebens wissenschaftlich und auf geniale Weise literarisch fruchtbar.

Nach dem Abitur 1950 begann er zunächst an der Universität Leipzig ein Studium der Romanistik, Germanistik, Slawistik und Anglistik, setzte dieses ab 1951 in Freiburg im Breisgau fort. 1957 promovierte er mit einer Arbeit über den amerikanisch-britischen Autor Henry James, arbeitete fortan als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Freiburg und nahm Lehraufträge in Toulouse, Paris, Bristol, Edinburgh, New Haven, Berkley und Austin an. Von 1971 bis 1980 lebte Hofmann in Klagenfurt/Österreich und lehrte an der Universität Ljubljana/Jugoslawien, von 1980 bis zu seinem Tode lebte er in Erding bei München.

Sein literarisches Werk ist außerordentlich vielfältig und wurde in viele Sprachen übersetzt. Sein Schaffen begann in den 1960er Jahren mit Hörspielen und Theaterstücken, in denen er auch sprach- und gesellschaftskritische Themen in den Fokus rückte. Ab 1979 veröffentlichte er zudem Erzählungen und Romane. Einem größeren Publikum wurde er durch seinen Roman „Der Kinoerzähler“ (1990) bekannt, der 1993 von Bernhard Sinkel mit Armin Mueller-Stahl in der Titelrolle verfilmt wurde.

„Der Kinoerzähler“ ist eine Fiktion, in der Hofmann aus Sicht des Enkels erzählt, sein Großvater Karl sei der Stummfilm-Kinoerzähler des Limbacher Apollo-Kinos gewesen. Doch in Hofmanns Geburtsjahr 1931 liefen im Apollo-Kino bereits Tonfilme. Einen Kinoerzähler namens Karl Hofmann gab es auch nicht. Er sei „ein Künstler ohne Brot und Kunst“, sagt Karl zu seinem Enkel. An diesem Leitmotiv entspinnt sich die Geschichte eines fragilen Lebens in wirtschaftlicher Not, politischen Krisen und technischem Umbruch in der ersten Hälfte des 20.Jhs. „Ich bin überflüssig“, gesteht der Großvater eines Tages, als er nach Einführung des Tonfilms arbeitslos wurde. Eine Gefühlslage, in die sich viele Menschen in Limbach-Oberfrohna gut hineinversetzen können, die das Zusammenbrechen der Textilindustrie ab 1990 erlebt haben.

Zu Ehren des Schriftstellers trägt die Stadtbibliothek Limbach-Oberfrohna seit 2021 den Namen „Gert Hofmann“.

 

Buchtipp: 

Gert Hofmann: Der Kinoerzähler. Roman, München/Wien: Carl Hanser Verlag 1990

 

Grenzgänger und Dramatiker: Heiner Müller (1929-1995)

Zur Generation Gert Hofmanns (*1931) zählt auch der Dramatiker Heiner Müller. In Eppendorf/Mittelsachsen 1929 geboren, verbrachte er einige Jahre seiner Kindheit und Schulzeit in Bräunsdorf, das heute ein Ortsteil von Limbach-Oberfrohna ist. Bräunsdorf war auch der Geburtsort des Vaters Kurt Müller (1903-1977). Das Elternhaus war sozialdemokratisch gesinnt, wofür der Vater 1933 im KZ Sachsenburg bei Frankenberg inhaftiert wurde. Von 1939 bis 1947 lebte die Familie in Waren an der Müritz/Mecklenburg.

Nach Kriegsende holte Heiner Müller sein Abitur in Frankenberg nach, wo der Vater 1947 Bürgermeister wurde. Dieser war zwar Mitglied in der aus SPD und KPD zwangsvereinigten SED, verlies ab 1951 die DDR gen Westen. Heiner Müller blieb in der DDR, arbeitete ab 1957 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Schriftstellerverband, Abteilung Drama. Er publizierte zu dieser Zeit erste Stücke als freier Autor, erhielt Engagements an verschiedenen Bühnen.

Das kritische Stück „Die Umsiedlerin“ wurde 1961 abgesetzt, Müller aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Trotz fortwährender kritischer Auseinandersetzungen mit der SED wurden andere seiner Stücke weiter aufgeführt. Ihm gelang der Grenzgang zwischen Gesellschaftskritik und gewisser Konformität, sodass er 1970 als Dramaturg am berühmten Berliner Ensemble eine Festanstellung erhielt.

Nach seiner Protest-Unterschrift gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR 1976 wurde er entlassen, arbeitete dann bis 1982 an der Berliner Volksbühne. Zu dieser Zeit hatte er sich mit seinen Stücken, vor allem denen die in der DDR nicht aufgeführt werden durften, bereits auch einen Namen in der Bundesrepublik gemacht. Nach dem Mauerfall führte sein Weg noch einmal zurück an das Berliner Ensemble (1992).

Was von Heiner Müller bleibt sind seine poetisch-dramaturgischen Grenzgänge und ein international rezipiertes Werk. Bleiben wird auch die Erinnerung an eine zwiespältige Biografie, in der sich die Geschichte des 20.Jh. gebrochen spiegelte. Müller geriet mit der Kulturpolitik der DDR immer wieder aneinander, war selbst leidtragender von Publikations- und Aufführungsverboten. Und trotzdem arbeitete er von 1979 bis 1990 als „Informeller Mitarbeiter“ für das MfS – Ministerium für Staatssicherheit der DDR.

Eine typische Mentalität im Chemnitzer Land

Innovationen und Traditionsbewusstsein, Offenheit und Zuwanderung sicherten seit jeher das Überleben der Montanregion Erzgebirge. All das zeugt von vielen Transformationen, die weit in die Geschichte zurückreichen und teils bis heute andauern. Die Region war immer in Bewegung. Menschen kamen und gingen mit dem wirtschaftlichen Auf und Ab, entwickelten sich technisch, sozial und kulturell weiter. So ist es bis heute. In der Textilstadt Limbach-Oberfrohna werden eine ganze Menge neuer Fäden zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesponnen.

 

ESCHE LAB im Esche-Museum: Dr. Barbara Wiegand-Stempel und Gabriele Pabstmann

Mit dem ESCHE LAB soll im Esche-Museum ein Kompetenzzentrum „Textil“ mit Schwerpunkt auf Strickerei und Konfektion entstehen. Es soll eine Schnittstelle zwischen Forschung, Entwicklung, Industrie, Design und Produktion bilden. Der “Textile Hub” spricht Textilprofis, Gestalter:innen, Entwickler:innen, Studierende, Forschende, Start-ups sowie Unternehmen an und bietet Möglichkeiten für Prototyping, die Produktion von Kleinserien, künstlerische Produktion, Vernetzung und Austausch sowie Präsentation. 

Initiiert haben das Projekt Dr. Barbara Wiegand-Stempel, Leiterin des Esche-Museums, und Gabriele Pabstmann, Museumspädagogin. Ihr Ansatz wird das reiche Textilerbe in der Region zukünftig noch besser erlebbar machen. Sie regen eine starke Vernetzung mit weiteren Textil-Standorten in der Region an, um europäisch Strahlkraft zu entfalten und traditionelle Techniken mit neuesten Technologien zu verknüpfen.

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Die Chronisten: Marvin Müller und Daniel Polster

Seit seiner Eröffnung im Jahr 2011 ist das Esche-Museum zu einer Keimzelle der Aktivitäten rund um die Industriekultur geworden. Im Förderverein des Esche-Museums engagieren sich junge Leute wie Marvin Müller. Er war schon als Kind beeindruckt vom architektonischen Schmuck eines alten Fabrikgebäudes nahe dem Ort, wo er wohnte. Eines Tages ging er ins Stadtarchiv, um mehr über die Industriegeschichte von Limbach-Oberfrohna zu erfahren. Beim intensiven Recherchieren in Dokumenten förderte er viel Wissenswertes aus Vergangenheit zu Tage. So rekonstruierte er etwa die Chronik der Handschuhfabrik Carl Götze.

Seitdem hat ihn das Thema nicht mehr losgelassen. Fasziniert hat Marvin Müller vor allem, dass Limbach-Oberfrohna um 1900 als Welthauptstadt der Handschuhfertigung galt. Rasant sei die Entwicklung vom Handwerkerdorf zur Industriestadt verlaufen, berichtet er beim Rundgang durchs Museum. In nur wenigen Jahrzehnten wuchsen aus Manufakturen große Fabriken. Seine Spurensuche führt ihn dabei auf immer neue Wege, z.B. nach den verschwundenen Fabrikantengräbern auf dem Friedhof. Nur Pläne, Fotos und wenige bauliche Reste sind erhalten.

Vereinskollege Daniel Polster ist studierter Maschinenbauer. Als er im Kindes- und Jugendalter in den 1990er Jahren Streifzüge durch die leerstehenden Fabrikgebäude der Stadt unternahm, stellte er sich die Frage: „Warum haben hier einst so viele Menschen gearbeitet und jetzt nicht mehr?“ Auf diese Frage wollte er Antworten finden. So entdeckte Daniel Polster nicht nur die Industriegeschichte, sondern auch die Architektur der Fabriken und Villen. Teilweise bestehe eine sehr reiche Quellenlage. Viele Zeitzeugen, die früher in den Fabriken arbeiteten, gäben noch Auskunft. Dabei würden auch die menschlichen Wunden der Umbruchzeit 1989/90 sichtbar.

Es gäbe einen wachsenden Kreis von jungen Interessenten, sagt Daniel Polster, die sich für Industriegeschichte und Industriekultur in Sachsen begeistern. Über das Internet, beim Stammtisch im Verein oder bei Ausstellungen im Museum tausche man sich aus. In diesem Netzwerk werden die vielen Fäden der Vergangenheit in die Hand genommen und so zu einem lebendigen Band der Erinnerung und Identität verknüpft. „Auch wenn diese alten Fabriken ihren wirtschaftlichen Nutzen längst verloren haben“, resümiert Daniel Polster, „so sollten wir sie als kulturelles Erbe bewahren. Genauso, wie wir es mit alten Burgen oder Kirchen tun, die vielfach ihren politischen oder religiösen Nutzen verloren haben.“

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Die Mutigen: Silke und Rico Wrzal

Wo einst gearbeitet wurde, wird heute gelernt. Gemeinsam mit anderen Mitstreiter:innen aus der Kirchgemeinde haben Silke und Rico Wrzal seit 2019 ein Schulprojekt initiiert: das FELS – Freie Evangelische Limbacher Schulzentrum, bestehend aus Oberschule und Gymnasium. Die ortsbildprägende ARTISEDA-Fabrik des Industriellen Louis Schaarschmidt aus den 1920er Jahren wurde saniert. Mit dem Bauhandwerk kennen sich die Wrzals aus, denn sie führen erfolgreich eine Installationsfirma für Haus- und Energietechnik.

„Die Industriegebäude sind so typisch, so prägend für unsere Stadt, dass man sie erhalten sollte“, sagt Silke Wrzal. Sie hat 1989 bis 1991 selbst in der Textilbranche gelernt. „Es gab in der Stadt eine gewaltige Resonanz, als bekannt wurde, dass wir die ARTISEDA-Fabrik für unser Schulprojekt ersteigert haben. Vor allem ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren davon begeistert“, schildert Silke Wrzal die Tage nach der Auktion.

Im Andenken an diese Menschen gibt es in der neuen Schule ein kleines Museum. „Es ist wichtig, die Textilgeschichte festzuhalten, die uns über so viele Jahrzehnte geprägt hat“, erläutert Silke Wrzal. Beim Ausräumen der Fabrik sicherten die Wrzals alte Dokumente, Gegenstände des Arbeitsalltags und Maschinen. Mit einer Zuschnittmaschine für Musterbögen verbindet Rico Wrzal besondere Erinnerungen: „Diese Maschine habe ich als junger Elektriker vor über 30 Jahren installiert.“

Rico Wrzal hat die Baugeschichte der Fabrik recherchiert: „Die Fabrik besteht aus drei Gebäudekomplexen, die nach 1870 mit jeder Expansion der Firma entstanden. Erst 1920 wurde alles mit Klinkern ummauert, um ein geschlossenes architektonisches Ensemble zu schaffen.“ Die Architektur repräsentierte den damaligen wirtschaftlichen Erfolg, das stolze unternehmerische Selbstbewusstsein. 

Doch das sei Vergangenheit, meint Rico Wrzal: „Die Bedürfnisse der Menschen haben sich geändert. Man sollte die Geschichte achten, aber auch auf die Veränderungen reagieren und Neues entwickeln.“ Industrie im Stadtzentrum sei heute nicht mehr möglich, also müsse es für die prägende Architektur neue Nutzungskonzepte geben. Der Herausforderung und der Verantwortung sind sich Silke und Rico Wrzal immer bewusst gewesen. Sie hatten den unternehmerischen Mut und als Christen auch die freudige Gewissheit, dass sie einer Berufung folgen und ihnen das Vorhaben gelingen würde.

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